Mehr als nur Leidenschaft

Wer mit Stefan loszieht in die Berge, will nicht durch den Skizirkus wirbeln sondern die urwüchsige Kraft der Natur fühlen. So glamourös Ischgl auch in der Szene ist, so urtümlich ist es geblieben. Bis heute gibt es 43 aktive Landwirte mit 180 Melkkühen, 300 Rindern, 250 Schafen, 50 Ziegen und rund 40 Pferden. Oder anders herum: Mit einer Ausnahme hat jeder Hotelier noch eine Landwirtschaft. Auch Stefan und Klaudia mit ihren beiden Söhnen – wie Generationen vor ihnen. Die Gefahr ist Stefans ständiger Begleiter auf seinen Bergtouren. Lawine, Steinschlag, Gletscherspalten. »Dem Tod in die Augen zu schauen, lässt sich nicht vermeiden im Beruf des Bergführers«, sagt Stefan. Geboren 1961, zwei Jahre bevor der erste Lift in Ischgl seinen Betrieb aufgenommen hat, wusste er schon früh, dass die Alpen sein Leben bestimmen werden – ob im Sommer auf 2000 Metern beim Heumachen oder im Winter bei der rasanten Abfahrt mit Kumpels. Mit sechs Jahren hat Stefan seinen ersten Berg bestiegen, mit neun Jahren ging’s gemeinsam mit einem Freund ohne das Wissen der Eltern auf das 3399 Meter hohe Fluchthorn, ein Bergmassiv an der Grenze von Österreich und Schweiz.
Ein Mann nimmt ein Foto in den Bergen auf
Für den Beruf des Bergführers brauche es mehr als Leidenschaft, sagt Stefan. »Du musst fanatisch sein, Biss haben.« Die Prüfungen sind schwer. Jedes Jahr scheitern 70 Prozent der rund 200 Kandidaten. Wir besprechen unsere Tour für morgen. 45 Minuten dauere die Anfahrt durch das Madleintal hin zur Schönbleis, erklärt Stefan. Von dort gehe es parallel zum Hang, kaum Steigung. Etwas für Anfänger. Das schaffe jeder, auch ich. Was mich schließlich überzeugt, und ich ziehe los, um mich mit den nötigen Utensilien bei Bründl Sports auszustatten.
Abbildung eines Mannes

Während Bernd, unser Fotograf und ich uns anderntags um 6.30 Uhr beim Frühstück stärken, versorgt Stefan seine Kühe. Punkt sieben Uhr steht er am Hotel, überprüft unsere Ausrüstung und erklärt, wie der Piepser für den Notfall funktioniert.

50 Prozent Bergführer, 50 Prozent Jäger

Wenn Stefan Ischgl verlässt, dann nur für einen anderen Berg oder ein Jagdrevier – sei es in Südamerika oder im Nepal. Bergsteigen im Himalaya, Helikopter-Skiing im russischen Socchi – kaum eine Alpenregion hat er ausgelassen. Über sich selbst sagt Stefan, er sei 50 Prozent Bergsteiger und Bergführer und 50 Prozent Landwirt, Gastwirt und Jäger. Fast immer sind es Stammgäste, mit denen er unterwegs ist. Manchmal mit Karte und Kompass irgendwo in der Welt, manchmal zu Hause. Seine Heimat kennt er wie kein zweiter. Von der Straße geht es ab auf einen Schotterweg und vom Schotterweg auf einen engen Pfad. »Wir haben heuer so wenig Schnee wie noch nie. Die Wildtiere sind schon lange auf dem höchsten Punkt.« Da spricht der Jäger. Den ganzen Sommer lang ist Stefan als Jäger unterwegs. »Wir gehen heute auf 1800 Höhenmeter«, erklärt Stefan weiter. Ich sitze hinten und denke, dass es ein großer Unterschied ist, ob man einen Weg begeht oder im Auto erlebt. »Gleich kommen wir raus aus dem Nebel«, ruft Stefan. In der Tat, die Sonne empfängt uns. Wir sehen die Küchlspitze vor uns.
Die Landschaft von Ischgl

Das Skifahren hat Stefan, wie alle in Ischgl, von der Pieke auf gelernt. So war es naheliegend mit dem Touristenboom und nach der Landwirtschaftsschule Skilehrer zu werden. 1978 folgte die Landesskilehrer-Prüfung, 1982 der Staatliche Skilehrer und von 1982 bis 1984 die Ausbildung zum Ski- und Bergführer. 1999 hat sich Stefan dann als Skitourenführer selbstständig gemacht.

Innere Ruhe, unendliche Stille

Wir sind angekommen. Stefan überprüft, ob auch das Fell richtig auf unseren Leihskiern aufgezogen wurde. »Aufpassen, dass ihr nicht einsinkt«, ruft er. Ein guter Ratschlag. »Bleib einfach in meiner Spur.« Das nehme ich mir zu Herzen. Und so ziehen wir den Berg hinauf. Von wegen kaum Steigung! Gute 400 Meter müssen wir hinauf. Der Schweiß rinnt. Ich bin überrascht, wie reibungslos wir den Berg hinaufrutschen. Unglaublich, wie geräuschlos die Welt sein kann. Fast dumpf hören sich der knisternde Schnee und das eigene Schnaufen in dieser Stille an. Nach etwa einer Stunde haben wir unser Etappenziel erreicht. Wir machen eine Pause. Stefan baut sein Fernrohr auf. »Habt Ihr die Gamsspur vorhin gesehen?«, will er wissen. Ein Steinbock klettert mit seiner Familie behände am Steilhang gegenüber. »Schau schnell durch das Fernrohr, gleich verschwindet er hinter einer Felsspalte«, ruft er. Die Küchlspitze hat sich wieder in Nebel gehüllt. Wir haben Zeit zu warten. Die innere Ruhe verträgt keine Uhr. Auch das kann man von Stefan lernen.
Ein Mann der Ski fährt
Die Landwirtschaft betreiben die Ischgler nur noch aus Tradition und weil eben die Skipisten beweidet werden müssen, damit sie nicht verwildern. Alle Landwirte sind auch Aktionäre der Bergbahngesellschaft. »70 Prozent der Aktien sind immer noch im Tal«, sagt Stefan nicht ohne Stolz. Und hier wird entschieden, wo investiert wird. Noch ist den Ischglern die Erinnerung an die Zeit präsent, als die Armut das Leben im Dorf beherrschte. Er wünscht sich, dass die nächste Generation ebenso bereit ist, sich auf die Vergangenheit zu besinnen. Der Schweiß ist getrocknet, der Wind zieht bis an die Haut. »Wir fahren ab«, schlägt Stefan vor. Das wird die größere Herausforderung für mich. Der Schnee ist schon locker. Stefan fährt flott voraus, ich zaghaft hinterher. Runter kommen, egal wie, nur nicht hinfallen.
Ein lachender Mann, der selbstgebrannten Schnaps austeilt

»Wer am Ende eines Bergführerlebens unglücksfrei bleibt, hat viel Glück gehabt«, sinniert Stefan, als wir losfahren. Er weiß um sein Glück und hat versucht, davon anderen etwas abzugeben. 30 Jahre war Stefan in der Bergrettung tätig und ebenso lang in der Freiwilligen Feuerwehr. Fünf Jahre lang ist er mit der Helikopter-Flugrettung unterwegs gewesen. Am Ende des Tages ist auch mir klar: Das mit dem Leitwolf auf der Kappe ist durchaus wörtlich zu nehmen.