Der Weg zum Aberger Anton...

… Spitzname Schafe Toni, gestaltet sich vergleichsweise kommod. Der Postbus schiebt sich über Serpentinen zum Schrägaufzug Lärchwand, an dessen Ende ein zweiter Bus die Ausflügler aufnimmt und sie direkt hinterm Stausee Wasserfallboden vor der Fürthermoar Alm absetzt, ehe die Tour weiter zum Mooserboden führt. Das Ausflugsziel hoch über Kaprun ist vom ORF in der Reihe »19 Plätze, 19 Schätze« zu einem der schönsten Flecken Österreichs erkoren worden. Die Almhütte, auf einem felsigen Anger in 2000 Metern Höhe im Schoß des Grieskogel errichtet, ist ein schmuckes, unverpfuschtes Gehöft. Eine Herberge gehört dazu, eine Kapelle und ein kleines Heimatmuseum. An den verwitterten Holzplanken des Ensembles wallt die rot- und purpurfarbene Geranienpracht und mittendrin ergießt sich das Gletscherwasser in einen gemauerten Steintrog. Die weitläufige Gemengelage ist — mit Unterbrechungen — seit Jahrhunderten in Familienbesitz, bewirtschaftet wird sie von Juni bis September. Auf den Tisch kommt, was der Almbetrieb von Tochter Kathrin und die Landwirtschaft ihres Mannes Markus abwerfen.
Portrait eines Mannes

Sommeridyll

Ein Traum, dieser begehbare Herrgottswinkel im Rücken des Kitzsteinhorns, wo die Turbowalze des Fortschritts erfreulicherweise vorbeigezogen ist. Und doch darf das Sommeridyll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Welt inmitten der Naturgewalten schnell aus den Fugen geraten kann. Der Toni hat darüber ein Buch geschrieben. »So vü Leben«, heißt es und erzählt von der großen Freiheit auf der Alm, der Freude im Umgang mit den Tieren, dem jährlichen Almabtrieb als Spektakel zum Ende der Saison; aber auch von den kleinen und großen Dramen, die sich im Laufe von fünf Jahrzehnten ereignet haben, in denen der Schafe Toni hier oben nun schon nach dem Rechten sieht. Den Namen trägt der 66-Jährige, seit er als Bub seine Ziegen gegen Schafe eingetauscht hatte.
Ein Mann auf der Weide im Gebirge, mit seinen Kühen, der gerade eine Pause macht.
Immer wieder beeindruckt mich das weiße wie gescheckte Gewölk hoch droben an den Steilhängen unter den Felsen, ihre Anhänglichkeit und ihr Instinkt. Freilich bin ich in der Alpzeit sehr viel mit ihnen beisammen. Je nach Witterung ziehe ich am frühen Vormittag los, die Schafe mit Gleckert zu versorgen und nachzuschauen. Waren am Anfang meiner Zeit auf der Alm 400 Schafe zu betreuen, ist ihrer Zahl zwischendurch auf 800 bis 900 gestiegen, am meisten waren es 1200 Stück.
Anton Aberger
Schafeflüsterer

Eine verantwortungsvolle Aufgabe

Heute hat der Toni rund 550 Schafe in seiner Obhut, die ihm Bauern aus Bayern, Kärnten und der Steiermark anvertrauen. Dazu kommt der eigene Bestand, Pinzgauer Strahlenziegen, Seidenhühner, Stallhasen, Milchvieh, Noriker, Wollschweine. Unterstützt wird er von seinem Hiatabuam, auch Enkel Maximilian springt ein, wann immer es die Landwirtschaftsschule erlaubt. Die Schafe unter Obhut zu nehmen, ist eine verantwortungsvolle, oft kräftezehrende Aufgabe; die Tiere sind immer für einen Aufreger gut. Mal kugelt eines den Steilhang hinab, mal macht der Geier Jagd auf sie, dann wieder setzen ihnen ein Steinschlag oder Lawinen zu. Überhaupt scheint es müßig, über den Augenblick hinaus zu planen. Gegen die Launen der Natur ist kein Kraut gewachsen. Schnee fällt auch mitten im August und mit einem Gewitter auf der Alm, die von zehn Dreitausender in Schach gehalten wird, ist nicht zu spaßen.
Ein junger Mann mit einem Schaf im Arm.
Schani war ein alter Ziegenbock mit einer Hornauslage von 1,20 Metern und besonders im August stets liebesbedürftig. Er entfloh immer wieder auf entfernteste Almen, bis er auf eine Ziegenherde traf. Deshalb waren wir gezwungen, ihn mit viel Lauffreiheit zu fixieren. Genutzt hat es nichts, denn eines Tages fuhr der Blitz in die Eisenkette, an der ein Bergseil befestigt war und machte unserem Schani den Garaus.
Anton Aberger
Über Schicksalsschläge

Der Titel des Buches »So vü Leben« ist bewusst doppeldeutig gewählt. Wetterumschwünge, Lawinenabgänge, ein falscher Tritt — die Fährnisse lauern buchstäblich am Wegesrand. Immer wieder musste der Senn Schicksalsschläge verkraften und nicht immer nur gab es ein totes Tier zu beklagen. Gedenktafeln und die Kapelle zeugen von diesen Lebenseinschnitten. Missen möchte Toni das Almleben trotzdem nicht. Zu viele persönliche Erinnerungen sind damit verbunden. Auch Schlüsselmomente. Zum Beispiel, wie er Martina, seiner heutigen Frau, das erste Edelweiß plückte. Oder wie der säuselnde Schafhirte beim Stelldichein seine Kühe unfreiwillig ins Wasser schickte.

Immer wieder beeindruckt mich das weiße wie gescheckte Gewölk hoch droben an den Steilhängen unter den Felsen, ihre Anhänglichkeit und ihr Instinkt.
Anton Aberger
Über seine Schafe
Um ungestört zu sein, wollten wir sie an die andere Seite des Stausees treiben. Mit 58 Kalbinnen zogen wir los. Wir achteten kaum des Weges, hatten wir doch nur Augen füreinander. Deshalb bemerkten wir zu spät, dass die leitende Kalbin nicht rechts um den Wielinger Kogel herumging, sondern den linken Weg wählte. Es wurde sandig und rutschig und als dann noch Felsplatten kamen, gab es kein Halten mehr. Die erste Kalbin stürzte in den See, die anderen folgten. Tina begann zu weinen, mir war zwar auch danach zumute, aber ich musste doch den starken Mann spielen… Mir, und wohl auch Tina, fiel ein Stein vom Herzen, als wir sie wieder auf sicherem Grund wussten. Ganz leicht wurde es uns aber in dem Moment, als wir die Kalbinnen durchzählten und keine einzige fehlte.
Neulich hatte der Toni wieder einmal den eigenen Schutzengel auf den Plan gerufen. »Es war einfach zu viel«, sagt er, als er an den heftigen Sturz mitten bei der Arbeit in der Scheune denkt. Mittlerweile ist er wieder fast der Alte, die Lebensgeister sind zurück. Posiert für ein Foto mit Gästen, albert mit seinen Enkeln herum, zu der auch Lena und Nesthäkchen Mirjam zählen, und als dann der Jager Sepp, ein alter Spezl aus Mittersill, aufschlägt, ist der Schafe Toni ganz narrisch vor Freude: »Des is der Sepp, a ganz a verrückter Hund!« Dann entschuldigt sich unser Gastgeber, er habe einen Termin unten im Tal. Zum Dank an seinen überstandenen Unfall wolle er sich ein Auto kaufen. Schön, denkt man sich, wie sehr einer sein neues Leben genießt; mit allem, was dazugehört.
Ein Mann, umgeben von seinen Schafen

Zurück ins Tal

Auf dem Rückweg sitzt der Jager Sepp neben uns im Bus und macht dort weiter, wo er auf der Alm aufgehört hat: packt die Quetsche aus und gibt ein Gstanzl zum Besten. Wo in der Stadt jedes Handybimmeln mürrisch beäugt wird, fährt der Busfahrer sichtlich vergnügt ins Tal. Weltoffenes Kaprun.
Ein Mann, ein junger Mann und ein Hund fahren auf dem Motorrad über die Wiesen