Nur einmal war Oliver Dugan zu voreilig. Das Ticket nach Salzburg hatte er längst in der Tasche, doch die Wintersaison stand erst bevor. Kein Problem, er zog einfach ein paar Täler weiter. Einer wie Oliver kennt überall einen verschneiten Flecken. In London verdient der gebürtige Münchner sein Geld als Managing Director einer Investment-Bank. In New York und Tokio hat er geschäftlich zu tun, im kanadischen Whistler steht sein Haus und in Zürich wohnt er.

Aber wirklich zu Hause ist er in den besten Skigebieten der Welt. Bergsteiger zieht es in den Himalaya, Surfer nach Hawaii. Ein Freerider wie Oliver schlägt sein Basislager in Zürich auf. Engelberg, Andermatt, Chamonix oder La Grave liegen ums Eck, Kitzsteinhorn, Riksgränsen, Valle Nevado und Whistler im Dunstkreis von Flughäfen, die von Zürich aus angesteuert werden.

Das sind die Konstanten im Leben des Oliver Dugan: Ostern Schweden, Sommer Chile, Weihnachten Kanada. Dazwischen Tagestouren in Frankreich, der Schweiz und Österreich. In Bründl hat er den idealen Sparringspartner für seine Leidenschaft gefunden. Denn die Anforderungen an das Material sind hoch. Auch die Ansprüche. Weit über 100 Paar umfasst allein seine Sammlung an Skiern. Sie füllt mittlerweile einen ganzen Raum. Die Fluchten vom Alltag sind in seiner Erinnerung kartographiert. Wenn ihn der Helikopter im Niemandsland zwischen Norwegen und Schweden absetzt, in Schwindel erregender Höhe auf schneebedecktem Grat, der kaum breiter als der Rücken eines Pauschenpferdes ist, und sein Blick links und rechts ins scheinbar Bodenlose fällt, dann brennt sich das unauslöschlich ins Gedächtnis. Oder die Geschichte mit dem Pilot, der auf ein Plateau in den Anden zuhält, die mächtigen Fünftausender zum Greifen nah und beinahe auf Tuchfühlung mit einem Schwarm Kondore, jeder von der Spannbreite eines Segelflugzeugs.
Freerider im unverspurten Pulverhang
Ostern ist Schweden angesagt: Das Gebiet um Riksgränsen nahe Norwegen liegt nördlicher als der Großteil Alaskas. Die Berge hier mögen nicht sonderlich hoch sein, aber es gibt ausgedehnte Strecken. Mein Freund Jonathan und ich leasen uns für zwei Wochen einen Hubschrauber, dann sind wir unabhängig.
Oliver Dugan
Begnadeter Freeride-Skifahrer
Oliver hat sich konsequent dem Superlativ verschrieben. Er ist kein Draufgänger, obwohl er das Abenteuer seitab von Piste und Skilift liebt. Vielmehr möchte er das Ursprüngliche erleben, die Natur ungefiltert spüren. Im Job wägt er jedes Risiko sorgfältig ab. Das hilft ihm, auch die Gefahr im Berg auszubalancieren. Seine Worte sind wohlgesetzt, wie die Schritte, die er im Gelände tut. Oliver weiß, dass der Weg zum nächsten Couloir über Gletscherspalten und tückische Wechten führt. Eine falsche Bewegung in diesem Terrain geht selten gut. Er hat einen Freund verloren, der seinen letzten Sprung vermasselt hatte und einen anderen gerade noch aus der Lawine gezogen. Ob er deshalb kürzer trete? Oliver antwortet mit einer Gegenfrage: »Würdest du weniger Auto fahren, weil Auto fahren gefährlich ist?«
Drei Männer beim Skiausladen aus einem Helikopter – auf einem schmalen Grat
In Frankreich hat es mir Chamonix angetan. Extreme Steilhänge erwarten dich hier, aber der Ausblick vom Mont Blanc sowohl auf französischer als auch auf italienischer Seite ist atemberaubend. Und der Kitzel, die Nordseite über 2400 Meter abzufahren, die früher Bergsteiger bestenfalls hochgeklettert sind, ist einfach unbeschreiblich.
Oliver Dugan
Liebt den Nervenkitzel

Okay, er hat sich Regeln zugelegt. Eine davon: Geh’ nicht allein in die Berge. Eine andere: Halte dich an Einheimische, die sich auskennen. Unter seinen Begleitern sind ein paar der besten Extremskifahrer und Freerider, Skientwickler und Skitester. Mit ihnen verbringt er die meisten der Wochenenden. 

Für Oliver Dugan ist das Ganze kein Hobby, es ist ein Lifestyle. »Welchen Berg gehst du hoch, wo gehst du hoch, wo bist du noch nicht runter gefahren, welches Material benötigst du dafür?« Solche Fragen beschäftigen ihn. Ski Mountaineering sei sein einziger Luxus, sagt er. Und ein eigener Fitnesscoach. Mit dem trifft er sich ein paar Mal die Woche nach dem Büro, um an Balance und Ausdauer zu arbeiten.

Schnee am Pazifik ist anders. Er ist feucht und klebt regelrecht an der Felswand. In Alaska kommt man so auch gut die steileren Abfahrten runter, ohne eine Lawine auszulösen. Und weil der Schnee ›sticky‹ ist, sinkt man nicht so tief ein. Trotzdem gelingen perfekte Schwünge, das hat einfach mit der Konsistenz zu tun.
Oliver Dugan
Freeride-Strecken weltweit zählen zu seinen Referenzen
An einem Tag in nicht allzu weiter Ferne will er seinen Job in London drangeben und nach Kanada gehen. Dorthin, wo es im Winter bis zu 16 Meter schneit. Wo die Rocky Mountains nicht weit sind, jenes Mekka, über das Oliver sagt: »Wer nicht einmal im Leben in Alaska war, weiß nicht, was Tiefschneefahren ist.« Natürlich wird er auch wieder zurückkehren. Kaprun ist immer ein Thema – spätestens wenn wieder frische Ware da ist. Jährlich deckt er sich im Stammhaus mit rund zehn Paar neuen Skiern ein, dazu kommen ein paar Sets passender Skischuhe. Meist kommt die Ausrüstung gleich auf dem benachbarten Kitzsteinhorn zum Einsatz. Ob er nicht schon genügend Skier hat? Wieder antwortet Oliver mit einer Gegenfrage: »Würde Sebastian Vettel ein neues Auto ausschlagen, wenn es ihn weiter bringt?«
das Foto zeigt zwei Männer im Tiefschnee