Der höchste Anstieg der Welt

Acht Stunden und 35 Minuten später überlief Markus die Ziellinie in Namche Bazar. Als Fünfter und damit erster Nicht-Nepalese im Teilnehmerfeld. Gut, die Einheimischen haben Heimvorteil, sind eine Klasse für sich. Werden bis auf weiteres unbesiegbar bleiben. Wie die Chinesen im Tischtennis. Aber immerhin: durchgehalten zu haben, 60 Kilometer in dieser unwirtlichen Gegend, wo andere schon als Bergsteiger an ihre Grenzen kommen, auf diesen Sieg kann man mehr als stolz sein! Erst ewig runter, dann wieder rauf, von weniger als 4.000 auf 4.600 Meter, der höchste Anstieg der Welt in einem Trailrennen. Und das bei teils starken Niederschlägen und auf felsigem, vereistem Geläuf. Markus erzähl nicht ohne Stolz von seinem bisher größten Triumph: dem 60k–Ultra auf dem bekanntesten Berg der Welt, der symbolträchtig auf den 29. Mai gelegt wurde. Der Tag, an dem der knapp 7.000 Meter hohe Gipfel zum ersten Mal durch Edmund Hillary und seinen Sherpa Tenzing Norgay bezwungen wurde.
Everest marathon

Reine Kopfsache

Auch wenn das Ergebnis eine kleine Sensation ist, überraschend kommt es nicht. Markus Amon liebt alles, was mit Höhe zu tun hat: Er ist ausgebildeter Ski- und Bergführer, obendrein Bergretter. Selbst beruflich zieht es ihn als Operation Manager der Christophorus Flugrettung in die Höhe. Das allein erklärt nicht den Erfolg in der dünnen Luft des Himalaya. Aber es zeigt, zu was einer, bei dem die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit immer wieder verschwimmen, fähig ist. Natürlich überlässt Markus nichts dem Zufall. Er trainiert mit eiserner Disziplin, hat seine Ernährung umgestellt, weiß, was ihm gut tut, wie weit er gehen kann. Mindestens genauso wichtig wie die körperliche Fitness ist der mentale Zustand. Was hilft die beste Vorbereitung, wenn der Kopf nicht mitmacht? „Für so eine Herausforderung musst du topfit anreisen.“, sagt Markus. Während des Trainings wird er von einem kompetenten Betreuerstab begleitet, zu dem unter anderem Bergführerkollegen und eine Ernährungswissenschaftlerin gehören.
ein Bergläufer steht vor einem schneebedeckten Berg

Keine halben Sachen

Aber zurück zum Run. Markus hat sich akklimatisiert, verschiedene Trekkingtouren und Laufeinheiten absolviert, hat in für ihn ungewohnten Höhen übernachtet und ist die Laufstrecke zigmal durchgegangen. Trotzdem bleiben Unwägbarkeiten. „Die Konzentration lässt in diesen Sphären nach, auch das Leistungsvermögen wird geringer.“, sagt er. Und dann ist da noch die Ernährung… Nicht immer ganz einfach, wo Leitungswasser oder frisches Obst das vorzeitige Aus bedeuten können. „Der Speiseplan ist schon eingeschränkt“, verrät Markus. Das heißt: Wasser aus der Flasche, getrocknetes Obst, Getreidebrie und Suppen, Reis mit gebratenem Gemüse und Energieriegel. Ein Jahr Vorlauf verlangt dieser hochalpinistische Kraftakt. Das Equipment, die Begleiter, dazu Flüge und Unterkunft, Helfer vor Ort und die Startgebühren – ohne Sponsoren und Partner würde es nicht gehen. In McKinley und Bründl Sports hat er zwei, die ihm solche Eskapaden ermöglichen. Markus versucht es, auf seine Weise zurückzuzahlen. Er begreift sich auch als Botschafter des Sports, um Wettkämpfe wie Ultratrails in seiner Heimat bekannter zu machen.
ein Mann beim Laufen im Gelände
Ich bin kein Studiotyp.
Markus Amon
Extremsportler

Seit 2010 läuft er wettkampfmäßig, früh hat er gemerkt, dass die Natur sein Hometrainer ist. „Ich bin kein Studiotyp“, sagt er. 2015 gewann er den GGUT, den Großglockner Ultratrail. Die Strecke führt um den höchsten Berg Österreichs, 110 Kilometer durch drei Bundesländer vorbei an 14 Gletschern und 300 Gipfeln über 3.000 Metern. Die volle Distanz ging über 6.500 positive Höhenmeter. Markus hat sich für die härteste, die Köngisdisziplin, entschieden. Er macht keine halben Sachen.

By fair means

Für den Pinzgauer kam der „Hausberg“ gerade recht, um sich mit dem Everest Projekt 2016 anzufreunden. Im gleichen Jahr konnte er seinen Erfolg am Großglockner nicht wiederholen, landete auf Rang 5. Da lag der Ultralauf am höchsten Berg der Welt gerade einmal zwei Monate zurück. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – für Markus hat diese alte Fußballweisheit ihre eigene Bedeutung.

Schon hat Markus das nächste Projekt vor Augen. 2017 bricht er wieder auf in die Himalaya Region. Nicht mit seinen Skiern, um einen der Achttausender runterzufahren, was er übrigens schon gemacht hat. Auch lässt er seine Laufschuhe dieses Mal daheim, denn 2017 geht es um seine persönliche Mondlandung: die Besteigung des Mount Everest. „Ohne Träger, ohne Sauerstoff“, wie Markus betont. Vom Basislager aus, über die Normalroute. By fair means, wie es in der Bergsteigersprache heißt. Aber Markus Amon wäre nicht Markus Amon, wenn er nicht ein Schmankerl eingebaut hätte. Er plant eine Speedbegehung, innerhalb von 24 Stunden rauf und wieder runter.
Everest marathon