Ranger aus Leidenschaft

Ferdinand Rieder vermittelt zwischen Mensch und Natur, bringt Tourengeher die schönsten Routen der Hochgebirgslandschaft nahe (Rieder nennt sie »Schmankerln«) und sieht regelmäßig nach dem Rechten. Denn auch wenn es in Österreich das Privileg der Wegefreiheit gibt, ist in einem so sensiblen Ökosystem wie dem Nationalpark längst nicht alles erlaubt. Campieren etwa, offenes Feuer oder freilaufende Hunde. Wer das Glück hat, von Rieder geführt zu werden, erlebt sein grünes Wunder. Allein ein kurzer Spaziergang ins Felbertal zum Hintersee lässt erahnen, wie lebendig Heimat- und Sachunterricht sein kann. Das liegt natürlich nicht nur am Paradies – vorne das farbsatte Grünblau des Gebirgssees, hinten die schleierartig vom Tauernkogel stürzenden Wasserfälle –, sondern auch und vor allem an Rieder selbst, der ein wunderbarer Geschichtenerzähler ist.
Portrait eines Mannes

Auf Entdeckungstour

»Da oben«, sagt er, während seine durchdringenden Augen die Steilhänge abscannen, »waren früher Mähwiesen.« Wo sich heute Latschen breitmachen, wurde bis in die 50er-Jahre das Gras unter Lebensgefahr mit der Sense geschnitten. Der Besucher malt sich gerade den schwierigen Balanceakt aus, da ist Rieder schon in der Hocke, rupft Grünzeug aus der Erde und zerreibt es zwischen seinen Händen. »Hier, riech mal!« Ein feinwürziger Geruch fährt in die Nase. »Wilder Oregano«, sagt Rieder, »den nehmen wir für die Pizza.« Wo andere Unkraut vermuten, sieht der Ranger Arnika und Erdbeeren. Oder Rentierflechte. Fast zärtlich zwirbelt er die weißliche Pflanze, die in Architektur-Modellen gerne als Baumersatz zum Einsatz kommt. Ein paar Schritte weiter regiert das Chaos. Einst stolze Kandelaber-Fichten liegen wie modrige Mikadostäbe kreuz und quer im Weg.
Ein Mann geht durch ein Waldstück.

100 % Wildnis

Rieder tritt vorsorglich dem Eindruck entgegen, er habe seinen Laden nicht im Griff. Auch wenn es nicht alle verstehen, aber die Natur habe hier alle Zeit der Welt. Rieder spricht von »100 Prozent Wildnis«. Und so gemahnen die Überreste der an mehrarmige Kerzenständer erinnernden Nadelgehölze an die Staublawine, die 1986 Kleinholz aus ihnen gemacht hat. Ein Jahr zuvor hat Rieder hier angeheuert. Davor hat er als Bergführer, Skiführer und Skilehrer gearbeitet. Mit 30 haben sie dem heute 60-Jährigen, der aus dem nahen Ort Hollersbach stammt, den Job als Ranger angeboten; zu einer Zeit, als man die Berufsbezeichnung bestenfalls aus amerikanischen Fernsehserien kannte.

Rieder musste nicht lange überlegen. Wobei er den ersten Sommer im Büro versauert sei, wie er freimütig bekennt. Er ist halt der Naturbursche geblieben, der sich am liebsten draußen aufhält. Rieder sagt es so: »Für mich ist es die größte Freude, wenn ich die Schönheit und Einzigartigkeit der Natur rüberbringen kann und meine Leidenschaft für den Nationalpark auf die Besucher abfärbt.« Es soll Köche geben, die in ihrer Küche schlafen, zwischen Töpfen und Messern. Rieder schnappt sich manchmal sein Biwak und übernachtet im Park. Dann genießt er die Einsamkeit und lauscht dem schaurig-schönen Schrei des Waldkauzes. Und freut sich, wenn die Hirsche ihre Brunftschreie ausstoßen oder Fuchs und Marder sich lautstark zanken.
Beschriftung des Nationalparkgebiets
Für mich ist es die größte Freude, wenn ich die Schönheit und Einzigartigkeit der Natur rüberbringen kann.
Ferdinand Rieder
Nationalpark-Ranger