Lieber Stefan, zu Beginn – wie geht es dir gerade? Bist du in deiner Mitte, wie steht es um deine Energiereserven nach dieser Saison?

Ich bin selten so fit aus der Saison gekommen wie heuer. Natürlich ist man nach der Saison immer etwas erschöpft, aber meine Energie habe ich vor allem während meines Urlaubes in Sizilien wieder voll auftanken können. Körperlich ist es mir endlich einmal gelungen ohne Wehwehchen davonzukommen, da kann ich von einem ganz anderen Niveau in das Sommertraining starten und muss nicht zusätzlich in bestimmte Problemzonen investieren. Der Fokus liegt dennoch darauf, bis August körperlich, mit einer Kombination aus Kraft und Ausdauer, bestmöglich in Form zu kommen. Je fitter in die Saison gestartet wird, desto besser natürlich. Um dies zu erreichen stehen Trainingseinheiten im Olympiazentrum in Innsbruck sowie eigene individuelle Trainingsblöcke zu Hause am Programm.

 

Das klingt schon sehr positiv und ist schön zu hören! Erzähl mir doch ein bisschen was über diese turbulente Saison! Wie waren die Olympischen Spiele für dich? Das war wahrlich eine Achterbahnfahrt, oder? Du warst auf dem zweiten Platz nach dem ersten Durchgang des Olympia Riesentorlaufs - dann der Ausfall auf dem Weg zur Medaille im zweiten Durchgang. Wie ist es dir in den ersten Stunden danach ergangen?

Für mich bleiben die Tage dort in sehr positiver Erinnerung, da ich mich dort wirklich wohl gefühlt habe. Es war alles perfekt organisiert und ich kann daher von keinerlei negativer Erfahrung sprechen. Klar, der sportliche Part war emotional eine Achterbahnfahrt! Ich habe gleich bei den ersten Trainings gespürt, dass ich körperlich und mental top fit bin und dass das Material passt. Ich wusste, dass wenn ich es auf die Reihe bringe, ich definitiv um Medaillen mitfahren kann. Diese Gedanken haben den Druck etwas rausgenommen. Ich wusste jetzt ist es Zeit zum Abliefern. Im Starthaus vor dem zweiten Durchgang war ich fast gar nicht nervös, musste nochmal Nervosität aufbauen, um Spannung reinzubringen. Dennoch habe ich auch versucht, diesem Rennen nicht so viel Wertigkeit zu geben. Ja und dann dieser blöde Fehler, eventuell war ich gedanklich schon ein Tor voraus und bin den Linksschwung nicht richtig gefahren. Dieser Ausfall tat schon zwei, drei Tage weh, vor allem weil dir gefühlt das ganze Olympische Dorf bemitleidend auf die Schulter klopft. Aber man muss es immer wieder relativieren - es ist "nur" Skisport. Deswegen war der Erfolg im abschließenden Parallel-Teambewerb enorm wichtig für mich, weil ich dadurch mit einem ganz anderen Gefühl nach Hause gefahren bin. Es war viel entspannter und erfüllender, denn ich konnte mit einer Goldmedaille um den Hals Olympia verlassen.

Person im Profil

Da kannst du wohl stolz auf dich sein Stefan! Gibt es sonst noch Rennen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind oder von denen du uns gerne erzählen möchtest?

Pauschal kann ich das gar nicht so beantworten und will auch diesbezüglich nicht werten. Im Kopf habe ich die Rennen natürlich alle. Es ist eher das Gefühl, nicht die Fahrt an sich die sich, im Kopf verankert. Damit meine ich, wenn man positiv und mit guter Voraussetzung in den zweiten Durchgang startet und im Ziel das grüne Licht aufleuchtet, so wie in Kranjska Gora. Wenn es sich einfach leicht anfühlt und funktioniert. Da ist die unmittelbare Euphorie schon groß und das bleibt eigentlich viel mehr in Erinnerung.

 

Schön, wie du das so beschrieben hast! Aber warum ist es dir wieder gegen Ende der Saison aufgegangen? Brauchst du eine gewisse Vorlaufzeit, um voll im Flow zu sein?

Wichtig war für mich das Monat zwischen Adelboden und Olympia. Nach meinem Ausfall beim Riesentorlauf in Adelboden haben wir intensiv analysiert und daraufhin sehr gut trainiert. Egal ob Servicemann oder Trainer, wir haben einen Plan aufgestellt und versucht ihn so gut wie möglich zu verfolgen. Dann bin ich von Fahrt zu Fahrt schneller und stabiler geworden. Im Endeffekt war es auch ein einfacher Trigger im Kopf, der mich blockierte. So etwas kann man dann von mir aus Kopfsache nennen. Jetzt bin ich 30 Jahre alt, schon lange im Rennsport und trotzdem vergesse ich manchmal, worauf ich persönlich aufpassen muss und wo meine Schwächen liegen. Wenn ich was im Kopf habe, kann ich es sofort technisch umsetzen, aber ja – man muss es eben im Kopf haben! Meist sind die Hauptfehler, dass du dir die Abfahrt nicht zutraust und deine mentale Kraft zu schwach ist. Das passiert vor allem wenn das Material-Set-up nicht zu 100% auf die Bedingungen passt und sich technisch kleine Fehler einschleichen - du dann eben nicht perfekt am Ski stehst. Genau daran haben wir in diesem Monat vor Olympia gearbeitet, zurück zu den Basics. 

Kanjska Gora war ja ein voller Erfolg, mit deinem bislang besten Weltcup Ergebnis! Deine ganze Familie war ja auch dabei. Beschreibe uns doch dein Gefühl am Podest.

Ja das war wirklich sehr schön und berührend. Vor allem bei der Siegerehrung und den Interviews war es gar nicht so einfach auch seriös zu bleiben, wenn deine Familie im Hintergrund permanent am Jubeln ist. Auch die ganzen Zuschauer ließen die Euphorie und die Stimmung noch mehr steigen.

 

Jetzt sitzen wir da in Kaprun am Ende unseres Interviews, da habe ich noch eine Abschlussfrage an dich. Was bedeutet deine Heimat, der Pinzgau, für dich? Hat dort alles angefangen?

Ja wie du sagst, Pinzgau ist für mich Heimat. Abgesehen von der Familie und den Freunden, die ja eigentlich deine Heimat sind, gibt es Plätze, an denen man sich einfach total wohl fühlt. Plätze, an denen man abschalten kann, von der Natur umgeben ist und die dir das Gefühl von Freiheit schenken. Kein anderer Platz oder Ort lässt mich das fühlen, was ich im Pinzgau fühle. Daher kann ich hoffentlich bald wieder zu meinen Wurzeln zurückkehren.

Drei Personen auf einem Podest in Skibekleidung