WIE SOLL MAN MIT DEM ULTRA LAUFEN BEGINNEN?

HEIDI: Grundsätzlich muss man betonen, dass solche langen Strecken nicht einfach gelaufen werden können, sondern dass die knöchernen und muskulären Strukturen auf solche Belastungen vorbereitet werden müssen. Daher kann ich niemandem raten innerhalb von einem Jahr einen Ultralauf zu absolvieren, wenn er diesen Sport langfristig und ohne körperliche Schäden betreiben will. Alle guten Ultraläufer wie Kilian Jornet beispielsweise haben sich jahrelang auf solche Distanzen vorbereitet, teilweise schon in der frühen Kindheit begonnen und können diese körperlichen Belastungen daher gut vertragen. Wenn man seine reguläre 5 km lange Strecke verlängert, statt auf Asphalt einmal in den Wald auf einen Trail geht – all das sind schon Dinge, die einen voranbringen und einen immer näher an das Gefühl der Verbundenheit mit der Natur bringen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die mit 20 min laufen begonnen haben, und nun fast zwei Stunden in den Bergen unterwegs sind und mit strahlenden Augen erzählen, wie toll es an einem Wasserfall war, wie schön der Trail war und wie stolz sie sind, dass sie 500 Höhenmeter geschafft haben! Das Gefühl eines Ultralaufs ist unbeschreiblich – ich kann davon nur in den höchsten Tönen sprechen. Aber: mit einer gründlichen und vor allem sinnvollen Vorbereitung, sodass man die Freude daran langfristig hat.

WIE SCHAFFT MAN EINEN ULTRA – VOR ALLEM MENTAL?

ANDREAS: Ultras sind 90% mental und der Rest passiert im Kopf“ ist eine gängige Beschreibung für Ultras. „Ultras sind ein einziger großer Esswettbewerb mit etwas dummen Herumgelaufe oben drauf“ ist eine andere. Ich denke eine ist ebenso wahr, wie die Andere. Die Komplexität eines Ultras ist für mich absolut faszinierend. Jeder Lauf ist eine einzigartige Challenge, bei der man am Start nie zu 100% wissen kann, was passieren wird. Ein bisschen wie eine Schachtel Pralinen. Bei Kilometer 0 schätzt man Dinge völlig anders ein, als bei Kilometer 100. Höhen und Tiefen sind Teil des Spiels. Ein Ultra verlangt von Einem ständiges Rekalibrieren und die eine oder andere Lösungsstrategie, um aus schwierigen Phasen wieder herauszukommen. Hier beginnt die Sache interessant zu werden!

HEIDI: Während einer so langen Belastungszeit gibt es selten Tage, an denen wirklich alles optimal läuft und man nicht in kleinere oder größere Krisen gerät. Bei einem Longrun (43 km) dieses Jahr habe ich von Anfang an gemerkt, dass die Speicher leer sind, die Beine nicht wollen und ich generell müde bin. Aber ich hatte mir am Beginn des Tages gesagt, dass ich das Schaffen will und bin weitergelaufen – langsam, aber weiter. In diesen „Momenten“ trete ich in den Dialog mit mir selbst – ja, nein, ja nein – und am Ende ist es aber immer klar, dass ich weiterlaufen werde und auch weiterlaufen kann. In der Regel geben einem vor allem Trainingseinheiten, in denen man an genau solche Grenzen getreten ist und man weiter gemacht hat, unfassbar viel Selbstvertrauen. Und ich stelle mir auch vor jedem dieser langen Läufe die Frage, wie ich mit negativen Situationen umgehen werde und bin dann in den Momenten, wo es schwer wird, nicht überrascht. Das ist denke ich das wichtigste: das Wissen, dass es irgendwann schwer wird, aber dass man auch aus dieser Situation wieder herauskommen kann.

ANDREAS: Am Ende des Tages, denke ich, muss man einfach die Strategie finden, die für einen selbst funktioniert. Die eine hört Musik, der andre beginnt zu singen und wieder ein andrer wiederholt ein Mantra. Alle Strategien erscheinen mir absolut wirkungslos, wenn ich mir vorher keinen klar definierten Anker gelegt habe, warum ich das mache. Wer sich bei Kilometer 80 selbst die Frage stellt „Was mach ich hier eigentlich?“ ist nur noch einen Schritt vor dem Aufgeben... Oft läuft man Gefahr, sich über die Zeit hinweg in seinem eigenen Kopf zu verlieren und absolute Lächerlichkeiten zu überdramatisieren. Mir hilft es dann Tempo herauszunehmen, vielleicht sogar kurz zu stoppen und mich selbst daran zu erinnern, wie verdammt privilegiert ich bin, so etwas machen zu dürfen! Ich habe auch schon bewusst eine Strecke in viele kleine Abschnitte heruntergebrochen und jeden dieser Abschnitte bewusst genutzt, um mich auf etwas zu berufen, wofür ich in meinem Leben aufrichtig dankbar bin. Wir nehmen Emotionen immer in einem konkreten Kontext war und das Gefühl zu haben, diesen Kontext selbst bestimmen zu können, ist für mich unfassbar bestärkend…

 

HEIDI: Selbstverständlich gibt es aber auch Situationen, in denen nicht mehr der Kopf die Grenze ist, sondern der Körper wirklich nein sagt. Sobald Orientierungslosigkeit, Schwindel oder ähnliches auftritt, ist es Zeit zu akzeptieren, dass man aufhören muss, um sich selbst nicht zu schaden. Würde das Ultralaufen allerdings nur aus diesen negativen Gefühlen bestehen, würden nicht immer mehr Menschen sich auf diese Distanzen wagen. Das berühmte Runner´s High gibt es wirklich und vor allem auf den langen Distanzen kommt es besonders zum Tragen. Bei mir kommt meistens ab km 15-20 das Gefühl, dass ich ewig weiterlaufen könnte, es ist wie Fliegen, man hat den Trail vor sich und die Schritte gehen wie von selbst. Es ist eine der höchsten Formen von Glück, wenn du dich eins fühlst mit der Natur – einfach wunderbar