In der Welt der Bergrettung gibt es dieses Zeitfenster von 15 Minuten. Eine viertel Stunde, danach schwinden die Chancen, jemanden lebend aus einer Lawine zu bergen. 15 Minuten sind schnell um, man muss nur die Langversion von Markus Amons Lebenslauf lesen. Die Kurzfassung geht so: Diplomkrankenpfleger, Notfallsanitäter, Berg- und Skiführer, Heeresbergführer und Heeresflugretter, Bergretter, Flugretter, heute HCM Operation Manager, also leitender Flugretter der Christophorus Flugrettung. Unter Sonstiges würde stehen: Höhenbergsteiger und Extremskifahrer.

Der Aufstieg zum Lawinenkurs

Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Markus Amons Leben spielt sich im Grenzbereich von Leben und Tod ab. Er liefert den Stoff für Multimediavorträge und die Vorlage für einen James Bond-Streifen. Die stahlblauen Augen eines Daniel Craig hat er, auch wenn Amon sagt, dass die Einsätze am Seil des Hubschraubers harter Berufsalltag seien. Zusammen mit seinen Kollegen vom Kapruner Bergrettungsdienst hat Markus auch dieses Jahr bei drei Lawinenseminaren unsere Kunden in die Welt der Lawinenkunde geführt. Der Theorie im Flagshipstore folgte der Übungsteil im Gelände; dieses Jahr in Kaprun am Kitzsteinhorn und am Biberg in Saalfelden. Es geht um das Verhalten nach einem Lawinenabgang, um Ausrüstung, Teamgeist und den Faktor Zeit, kurz: um Entscheidungsstrategien im Notfall.
Aufstieg zum Lawinenkurs am Berg
Wer könnte für die Kurse besser geeignet sein als Amon? In seiner Freizeit macht er immer wieder mit Solo-Speed-Besteigungen von Achttausendern von sich reden (wie beim Ultratrail auf dem Mount Everest). Daheim in Österreich sind er und seine Kollegen so etwas wie die Weißen Engel der Snowboarder, Skifahrer, Freerider und Skitourengeher. Irrt einer vom Weg ab, verletzt sich in unwegsames Terrain oder kommt unter eine Lawine, schickt die Bergrettung den Hubschrauber – und mit ihm Männer wie Amon. Amon selbst darf nicht fliegen, aber er seilt sich am Tau hängend zur Unglücksstelle ab, um die Erstversorgung und den Abtransport in sichere Gefilde zu übernehmen. Er ist das verlängerte Auge des Piloten.
Lawinenkurs

In der lebensfeindlichen Umgebung des Himalayas, wo der Körper mit Akklimatisation und Adaption genug zu tun hat und jede Handreichung das eigene Leben in Gefahr brächte, ist jeder sich selbst der Nächste. In unseren Breiten aber hängt der Erfolg eines Einsatzes maßgeblich von der Reaktion der Kameraden ab. 

Amon sagt: „Es ist wie beim Kochen. Nur mit den richtigen Zutaten kommt man zum optimalen Ergebnis.“ Fred ergänzt: „Das Einzige, was wirklich hilft, ist Kameradschaft.“ Und natürlich die unverzichtbaren Hilfsmittel. Das sind: Lawinensonde, Schaufel und Lawinenverschütteten-Suchgerät, kurz LVS-Gerät. Thomas nennt sie „die geilen Drei“.

Kein Handgriff ist willkürlich. Jedes Detail kann über Leben und Tod entscheiden.
Markus Amon
Erfahrener Flugretter

Inzwischen hat das Trio am Langwiedboden ein typisches Szenario nachgestellt. Es zeigt, wie man einen Verschütteten ortet, ihn mit der bis zu vier Meter langen Sonde und digitalen Suchgeräten lokalisiert – um ihn dann vorsichtig freizuschaufeln. Kein Handgriff ist willkürlich, jedes Detail kann Leben retten. Sind Mund und Nasenlöcher frei, hat der Patient eine Atemhöhle, damit er nicht erstickt? Sendet das Lawinensuchgerät Störsignale, die die Suche erschweren? 

Oder gibt es gar Hinweise wie ein aus der Schneedecke ragender Skistock, der direkt zum Verschütteten führen kann. Schließlich: Sind Kopf und Wirbelsäule stabil, ist ein windgeschützter Platz vorhanden? Wenn der Patient nicht mit dem Akia abtransportiert werden kann, legt Amon ihm den Brustsitzgurt oder Bergesack an. So lässt er sich sitzend oder liegend mit dem Helikopter wegfliegen. „Jeder Handgriff muss sitzen“, sagt Amon, auch und gerade mit Handschuhen.

Übung macht den Meister

Als Laie fragt man sich, wie das gehen soll, wenn es hart auf hart kommt. Wenn nur wenige Minuten bleiben, und die Kollegen mit der Sonde im Schnee wie mit der Stange im Nebel stochern. Andererseits sind hier absolute Profis am Werk. Der Hubschrauber ist in drei Minuten in der Luft, der Ablauf vom Notruf bis zum Abtransport den Männern in unzähligen Übungsstunden in Fleisch und Blut übergegangen. Im Übrigen, auch das wurde den Teilnehmern des zweitägigen Lawinenkurses gelehrt, hat eine gute Tourvorbereitung viel mit sorgfältiger Planung zu tun, mit der richtigen Wahl von Weg und Gelände und der Gabe, Wetterlage und Schneebeschaffenheit richtig zu deuten. Über 200 Menschen wollten Markus Amon und sein Team bei der Bründl Veranstaltung hören.
Ein Gerät, mit dem Lawinenverschüttetete gefunden werden können
Mit Hilfe von Förderern wie Bründl macht sich Amon immer wieder auf, die höchsten Berge der Welt zu besteigen; zuletzt den Berg der Seele im nepalesischen Teil des Himalayas. Auf den Spuren seines Vorbilds Peter Wörgötter, auch er ein Pinzgauer, ist Amon den Gipfel des Manaslu nach Rekordaufstieg mit Skiern bis ins Basiscamp hinabgefahren. Im Alleingang und ohne Sauerstoffflaschen oder Sherpas, versteht sich. Es mag einen Tourengeher wenig trösten, wenn er in den Alpen in missliche Lage gerät. Aber wenn einer am Einsatz beteiligt ist wie Markus Amon, der selbst in extremer Höhenluft nicht den Verstand verliert, ist das zumindest ein gutes Omen.
Team der Bergrettung Kaprun